Der Standard, Rondo
7. Juli 2000

Esst mehr Knoblauch!
Fisch muss nicht immer roh sein und auf Reisbällchen liegen
Früher, als wir noch glaubten, dass Wolfsbarsch, Loup de Mer und Branzino drei verschiedene Tiere waren, und als es Fisch zwar jeden Freitag und in jedem Eckbeisl gab, dieser aber immer so eine komische Quaderform und knusprige Bröselhaut hatte, dafür aber weder Gräten noch Flossen, in dieser Zeit also ging man Fisch essen zum Kroaten. Ins legendäre Bodulo etwa, ins Ilija, ins Kornat, ins Ragusa, weil von diesen Restaurants wusste man, dass da immer irgendwer nächtens an die Adria fuhr, um am nächsten Tag mit einem Kofferraum voller Brassen, Barsche, Angler und Octopussen wieder da zu sein. So wurde es zumindest erzählt, und so glaubte man das bei der einen oder anderen Flasche Laski Rizling oder Dingac, bei fröhlicher Musik und durchdringendem Knoblaucharoma auch gerne. Im Zuge der Erschließung des Landes durch große Fischhandelsketten gerieten die Kroaten ein bisschen in den Schatten der Schwertfischcarpaccio- und Thunfisch- steak-Szene. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die neue Kunstfaser-Mode gar so krass auf die Rauchschwaden der am Grill gebrutzelten Knoblauchfische reagierte.
Ein kräftiges Lebenszeichen gab die dalmatinische Kulinarik jetzt aber in der Wiener Josefstadt wieder von sich: Die Brüder Ratosevic, die in der Lerchenfelderstraße das "Café Lerchenfeld" betreiben, dehnten ihren Einflussbereich auf den angrenzenden Holland-Blumenmarkt aus. Der Blumen-Diskonter wurde mit einfachsten und daher authentischen Mitteln zu einer "Konoba" - so heißen die unkomplizierten Fisch-Beisln an der dalmatinischen Küste - umgebaut und auch gleich so benannt. Weiße Wände, Bretterboden, massive Holztischchen, voluminöse Entlüftungsrohre an der Decke. Und vor allem eine offene Küche, die so offen ist, dass sie sich mitten im Lokal befindet und man es bis zum Tisch brutzeln hört.
Hauptdarsteller ist selbstverständlich der Fisch, Muscheln, Oktopus, Branzino und Goldbrasse liegen täglich in der Vitrine parat, was die zweimal pro Woche stattfindende Lieferung von der Adria sonst noch so ergibt, liest man auf der Kreidetafel über dem Grill oder erfährt es vom Ober. Die Fischsuppe (öS 45 / EURO 3,3) sieht zwar weniger spektakulär aus als bei den meisten In-Italienern, schmeckt aber auch ohne sperrigen Krustentier-Ballast und Lachs-Brocken überaus köstlich. Das dalmatinische Nationalgericht "Buzara" - Miesmuscheln (auch Scampi oder anderes Seafood) in einer kräftigen Wein-Knoblauch-Olivenöl-Petersil-Sauce - wird hier mit Zwiebeln zubereitet, was die Sache sämiger macht, Vertreter der "Buzara absolut ohne Zwiebel"-Schule aber verstören dürfte. Als diesbezüglich neutraler Esser wird man damit keine Probleme haben und die hervorragende Sauce aus Muschelschalen schlürfen und mit Brot auftunken (öS 100 / EURO 7,3).
Branzino und Goldbrasse kommen obligatorisch mit Petersilkartoffeln, Zitronenvierteln, Blattspinat und jeder Menge Knoblauch auf den Tisch, beide Tiere trotz knusprig gebratener Haut von einer saftigen Zartheit, die einem den Gedanken nahelegt, dass es sich bei dieser Zubereitungsart wohl um die artgerechteste und beste handelt (öS 6 / EURO 0,43 pro dag). Dazu eine Flasche mildfruchtigen Zlahtina, und schon haben die Sinne den anfänglichen Schock der Moderne überwunden, man entdeckt die unvermeidlichen Adria-Aquarelle, man hört die melodischen Weisen, man riecht das Meer. Florian Holzer []
Konoba, Lerchenfelderstr. 66-68, 1080 Wien, Tel: 01 / 929 41 11,
konoba@chello.at, Mo-Fr 11-14, Mo-So 18-24